Von allen guten Geistern verlassen

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DIE ZEIT

Jede dritte Kirche ist von Schließung, Verkauf oder Abriss bedroht. Selbst Atheisten erschrecken vor der sich ausbreitenden Leere

Von Hanno Rauterberg

(…) Hierzulande ist es weit schwieriger, eine Kirche zu verkaufen, als in Holland. Das Angebot an alten Umspannwerken, Herrenhäusern, Lagerhallen ist beträchtlich – wer sollte da Interesse an einer neogotischen Kathedrale haben oder gar an einer Trutzburg wie St. Agnes in Berlin, erbaut in den sechziger Jahren? Damals meinte man noch, der Beton, mit dem man hier die fensterlosen Wände hochzog, stünde für die Ewigkeit. 40 Jahre später hat sich in den Seitenschiffen eine Schar von Putzeimern versammelt, eifrig hüpfen die Regentropfen. Eine Sanierung würde drei Millionen Euro kosten. Niemand kann die Summe tragen.

Ein wenig scheu blickt sich Pfarrer Konrad Torwesten in seiner Kirche um. Er hat hier viele erfüllte Jahre verbracht, die Bänke waren gut gefüllt mit Katholiken aus Polen. Dass nun plötzlich Schluss sein soll, kann er noch gar nicht begreifen. „Ich habe einen Brief vom Bischof bekommen und ihn der Gemeinde vorgelesen“, sagt er. „Da stand drin, dass keine Kirche geschlossen und keine abgerissen wird.“ Das war vor einigen Monaten. Seit kurzem nun stehen sechs katholische Kirchen in Berlin zum Verkauf, und das Schicksal von St. Agnes ist ungewiss. „Es kommen hier oft Architekturstudenten, sogar aus England“, sagt Torwesten. Sie bestaunen den Kirchenbau von Werner Düttmann, einem der wichtigsten Architekten der Nachkriegszeit, seine bußfertige Ästhetik, das strenge, gleichwohl raffinierte Pathos seiner Räume. Ohne Zweifel ist diese Kirche ein Denkmal der Architekturgeschichte.

Doch gibt es allein in Berlin noch weitere 80 Kirchen aus jener Zeit, viele erfindungsreich im Entwurf, eigenwillig im Material. Geliebt werden sie meist nicht, so wenig, wie man vor 40 Jahren die Gründerzeitkirchen liebte. Nur dass man damals noch Geld hatte, auch das Ungeliebte zu erhalten.

Also doch Abriss für St. Agnes? In der Kirchenleitung hofft man, dass sich noch ein Käufer findet, eine der vielen orthodoxen Gemeinden vielleicht. Auch der Vorschlag eines ökumenischen Kirchenmuseums wird diskutiert. Allerdings weiß man sehr genau, dass solche Umnutzungen sich nur selten bewähren.

(…)

Eigentlich ist es hohe Zeit für Ketzer, für Leute wie Marcus Nitschke. „Es muss dringend ein paar Abrisse geben“, sagt er und meint es ernst. „Die Kirche darf nicht am Vertrauten kleben, sie muss auch Neues bauen, dort, wo die Menschen heute hinziehen.“ Nitschke ist Theologe und hat zusammen mit Architekten und Immobilienprofis das Büro D:4 gegründet, das Gemeinden bei Umbau oder Abriss berät. „Anfangs geht’s da nur um Architektonisches“, sagt Nitschke. „Aber bald ist man beim Eigentlichen: Was will die Gemeinde? Was ist ihr wichtig? Wofür braucht sie ihre Bauten?“ Sie sprechen über den Kern, über das, was einer christlichen Minderheit in der nichtchristlichen Mehrheitsgesellschaft noch bleibt. Und plötzlich sind die Hüllen nur noch Hüllen. Nicht mehr, nicht weniger.

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DIE ZEIT 04.03.2004